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PRESS

Träumerei des Verschwindens

Radialsystem

28 January 2022

 

Lina Gómez: "Träumerei des Verschwindens"

Rating ⭐⭐⭐⭐

Berlin choreographer Lina Gómez has staged a dream journey with her piece "Träumerei des Verschwindens" — Reverie of Disappearance. Last night saw its premiere at the Radialsystem in Berlin. This "Träumerei des Verschwindens" is a choreography of dissolution — the dissolution of our usual perception of bodies, of space and time.

The bodies of the five dancers, three women and two men, all completely naked, seem to barely belong to human beings anymore — Lina Gómez at least withholds from us the familiar views that help us identify them. We see no upright gait, and no faces.

Heads and faces turned away — bodies twisted and knotted

The heads and faces of all five are always pressed to the floor and turned away from us as audience members; one sees only the backs of heads and hair, while their bodies writhe — and at first extremely slowly.

The bodies are knotted and twisted, and at the beginning plunged into a drowsy half-darkness, with much shadow and only a few points of light on individual body parts, which makes these bodies appear even more unfamiliar.

Nearly contourless bodies that seem as if they could dissolve

The eye is drawn to whatever protrudes, juts into the air or bulges outward: a knee, a foot reaching into the light, a buttock, a shoulder, a hip that appears detached. Even later in the harsh light, a few toes stick out here, a few ribs there — these bodies, through their contortions, no longer show their familiar forms, and our gaze is directed toward details: the spine, muscles, skin. The bodies seem fragmented, almost without contour — as though they too could dissolve, were it not for the skin holding them together.

Pushing and rolling and creeping coils

The dancers roll and push themselves across the stage in their contorted postures, very slowly at first, then faster.

A bent arm, twisted beneath a twisted torso, slowly presses itself forward, slides past a hip jutting at an angle into the air, through the bent and protruding legs, and brings the entire body into a tipping and rolling motion — into the next distorted body position, where perhaps a foot, twisted beneath the buttocks, then provides the impulse for the next tipping movement. It is astonishing that they do not lose their balance.

The movement impulses always originate from some small point in the body, travelling like bursts of energy through it before it moves into another coiling turn. It is an unsettling and fascinating sight, with moments that carry something uncanny. For here everything is always open in its development — there is no way to anticipate what might come next, where the next movement will lead — and these coiling bodies have something inhuman about them.

Sound and Light

An impression to which sound and light both contribute. The music at first is nothing but a toneless hissing and whistling, joined by delicately plucked droplets of electric guitar and a thrumming like a heartbeat. A sound that towards the end transforms increasingly into something spacey — long, trembling, quivering tones.

The lighting picks out details and transforms the bodies, and itself seems to flow — shadows meander across the stage.

A Further Development of an Earlier Piece

Lina Gómez, who comes from Colombia and studied dance in Brazil and Berlin, has here achieved a remarkable further development of an earlier piece, in terms of movement, sound and light. She first showed a version in 2015 as her graduation work at the Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin — unforgettable, as she had the naked bodies crawl infinitely slowly across the floor as an amorphous mass. Now, in this new version, with the bodies' contortions, the effect is even more dramatic, while she again finds sculptural forms — a heap of bodies intertwined with one another, in which it is no longer possible to tell which body parts belong to whom.

The experience of watching is trance-like. This piece generates its own time and its own space; it is like a dream journey. In the end it is we, the audience, who slip into dreaming — for whom place and moment disappear.

Frank Schmid, rbbKultur

DEUTSCH

Radialsystem V 

Stand vom 28.01.2022

 

 

 

Lina Gómez: "Träumerei des Verschwindens"

Bewertung ⭐⭐⭐⭐

Eine Traumreise hat die Berliner Choreografin Lina Gómez mit ihrem Stück "Träumerei des Verschwindens" inszeniert. Gestern Abend war Premiere im Berliner Radialsystem. Diese "Träumerei des Verschwindens" ist eine Choreografie der Auflösung, der Auflösung unserer üblichen Wahrnehmung von Körpern und von Raum und Zeit.

Die Körper der fünf Tänzer:innen, drei Frauen, zwei Männer, alle völlig nackt, scheinen kaum mehr Menschen zu gehören – jedenfalls entzieht uns Lina Gómez die gewohnten Ansichten, das, was uns hilft, sie zu identifizieren. Wir sehen keinen aufrechten Gang und auch keine Gesichter.

Köpfe und Gesichter abgewandt – Körper verdreht und verknotet

Die Köpfe und Gesichter der fünf sind immer auf den Boden gedrückt und von uns Zuschauer:innen abgewandt, man sieht nur Hinterkopf und Haare und ihre Körper winden sich – und das zunächst äußerst langsam.

Die Leiber sind verknotet und verknotet und zu Beginn in schlummriges Halbdunkel getaucht, mit viel Schatten und wenigen Lichtpunkten auf einzelnen Körperteilen, was diese Leiber noch fremder wirken lässt.

Fast konturlose Körper, die sich auflösen könnten

Der Blick richtet sich auf das, was hervorsteht, in die Luft sticht oder sich auswölbt: ein Knie, ein Fuß, die ins Licht ragen, ein Po, eine Schulter, eine Hüfte, die wie ausgelöst aussehen. Selbst später im grellen Licht stechen hier ein paar Zehen hervor und dort ein paar Rippen – diese Körper zeigen durch ihre Verdrehungen nicht die gewohnten Formen und unser Blick wird auf Details gelenkt, auf Wirbelsäule, Muskeln und Haut. Die Körper wirken wie fragmentiert, fast konturlos – als könnten sie sich auch auflösen, gäbe es nicht die Haut, die sie zusammenhält.

Schieben und Wälzen und rankende Windungen

Die Tänzerinnen und Tänzer wälzen und schieben sich in ihren verrenkten Haltungen über die Bühne, zu Beginn sehr langsam, später schneller.

Ein gekrümmter Arm, der verdreht unter dem verdrehten Oberkörper liegt, drückt sich langsam hervor, schiebt sich an der schräg in die Luft stehenden Hüfte vorbei, durch die angewinkelt abstehenden Beine hindurch und bringt den ganzen Körper ins Kippen und Rollen, also in die nächste verzerrte Körperposition, in der dann vielleicht ein Fuß, der verdreht unterm Po lieg, den Impuls für die nächste Kipp-Bewegung gibt. Erstaunlich, dass sie nicht das Gleichgewicht verlieren.

Die Bewegungsimpulse gehen immer von irgendeiner kleinen Stelle im Körper aus, gehen wie Energiestöße durch den Körper, der dann in eine andere rankende Windung geht. Ein irritierender und faszinierender Anblick, der in einigen Momenten auch etwas Unheimliches hat. Denn hier ist alles immer offen in seiner Entwicklung, es ist nicht zu erahnen, wie es weitergehen könnte, wohin die nächste Bewegung führt und diese rankenden Leiber haben auch etwas nicht-menschliches an sich.

Sound und Licht

Ein Eindruck, zu dem Sound und Licht beitragen. Die Musik ist zuerst nur ein tonloses Zischen und Pfeifen, zu dem zart gezupfte E-Gitarren-Klang-Tröpfchen und ein Wummern wie ein Herzschlag kommen. Ein Sound, der sich zum Ende immer mehr ins Spacige verwandelt, in lang gezogene, zitternde und bebende Klänge.

Das Licht hebt Details hervor und verwandelt die Körper und kommt auch selbst ins Fließen – da mäandern Schatten über die Bühne.

Weiterentwicklung eines früheren Stückes​

Lina Gómez, die aus Kolumbien stammt und in Brasilien und Berlin Tanz studiert hat, ist hier in Bewegung, Sound und Licht eine erstaunliche Weiterentwicklung eines früheren Stückes gelungen. Eine erste Version hatte sie 2015 als Abschlussarbeit am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin gezeigt. Unvergessen, denn sie hatte damals die nackten Leiber unendlich langsam als amorphe Masse über den Boden kriechen lassen. Jetzt, in der neuen Version, in der Verrentzelung der Körper, wirkt das noch dramatischer, wobei sie auch hier zu skulpturalen Formen findet, zu einem Haufen aus ineinander verknaullten Leibern, bei dem nicht mehr erkennbar ist, zu wem welche Körperteile gehören.

Die Wirkung beim Zusehen ist trancehaft. Dieses Stück erzeugt seine eigene Zeit und seinen eigenen Raum, ist wie eine Traumreise. Letztlich sind wir Zuschauer:innen es, die ins Träumen geraten, für die Ort und Zeitpunkt verschwinden.

Frank Schmid, rbbKultur

PRESSS

Devaneios Sobre o Desaparecimento - Träumerei des Verschwindens

Kulturradio - rbb
Sa 31.10.2015

Tanz Versch. Orte: Tanz am Wochenende

 

Unser Tanzkritiker Frank Schmid hat die vielfältige Tanz-Szene Berlins im Blick. Hier sind seine Empfehlungen für die kommenden Tage.Die Qual der Wahl haben Kunstinteressierte an jedem Abend in Berlin und im Herbst, der produktivsten Zeit für alle Bühnenkünstler, erst recht. Theater, Oper, Tanz, das Angebot ist oft kaum zu überschauen. Allein in der großen Berliner Tanzszene sind – das herausragende Gastspiel des Nederlands Dans Theater im Haus der Berliner Festspiele mitgezählt – heute Abend elf Choreografien in sechs Tanz- Vorstellungen zu sehen. Einige seien hier vorgestellt.

 

Herbstprojekte des MA "Choreografie" am HZT

In den uferstudios in Berlin-Wedding sind derzeit Semesterarbeiten von Studierenden des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz (HZT) zu sehen, des Berliner Tanz-Ausbildungszentrums, das seit seiner Pilot-Projekt-Gründung 2006 und der Institutionalisierung 2010 immer bedeutender wird. Einige Absolventen sind gerade dabei, sich national wie international durchzusetzen.Heute Abend sind Solo-, Duo-, und Gruppen-Stücke dreier junger Berliner Künstlerinnen zu sehen, ursprünglich aus Korea und Kolumbien, die demnächst ihren Master-Abschluss in Choreografie erlangen. Das sind Semesterarbeiten, bei denen sich eine kritische Betrachtung im herkömmlichen Sinne verbietet, weswegen nur die erwähnt sein soll, die in einem sehr durchwachsenen Abend den stärksten Eindruck hinterlassen hat.

 

Lina Gómez – "Träumerei des Verschwindens"

In der Choreografie Träumerei des Verschwindens von Lina Gómez wälzen sich fünf nackte Leiber in äußerster Langsamkeit und in unwahrscheinlichen Positionen und Verrenkungen über die Bühne, wobei das Licht von schräg oben herabfällt und Haut, Fleisch, Körperteile wie modelliert aus dem Dunkeln herausschält, während andere Körperteile in den Schatten verschwinden. Dadurch wirken die Körper kreatürlich und unvollendet skulptural, wie aufgelöst in einer traumgleich dämmrigen Licht-Schatten- Welt und am Ende in einer amorphen Leiber-Masse.Eine bildmächtige Arbeit von irritierender, blickverändernder Anmut von einer jungen Choreografin, die es im Auge zu behalten gilt.

 

Frank Schmid, kulturradio

 

 

 

Kulturradio - rbb

Sa 31.10.2015

 

Dance Various Venues: Dance at the Weekend

Our dance critic Frank Schmid keeps an eye on Berlin's diverse dance scene. Here are his recommendations for the coming days.

Art lovers are spoilt for choice every evening in Berlin, and even more so in autumn, the most productive time for all performing artists. Theatre, opera, dance — the offerings are often barely manageable. In Berlin's large dance scene alone, eleven choreographies across six dance performances can be seen this evening, including the outstanding guest performance by the Nederlands Dans Theater at the Haus der Berliner Festspiele.

Autumn Projects of the MA "Choreography" at the HZT

The Uferstudios in Berlin-Wedding are currently showing semester works by students of the Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz (HZT), Berlin's dance training centre, which has grown increasingly significant since its pilot founding in 2006 and its institutionalisation in 2010. Several graduates are currently in the process of establishing themselves nationally and internationally. This evening, solo, duo, and group pieces by three young Berlin-based artists — originally from Korea and Colombia — who are about to complete their Master's degree in Choreography, are on show. These are semester works, for which critical assessment in the conventional sense is not appropriate; only the piece that left the strongest impression on an otherwise very mixed evening will be mentioned here.

Lina Gómez – "Träumerei des Verschwindens"

In Lina Gómez's choreography Träumerei des Verschwindens, five naked bodies roll across the stage in extreme slowness, in improbable positions and contortions, while light falls from above at an angle, carving skin, flesh, and body parts as if sculpted from the darkness, as other parts disappear into shadow. This makes the bodies appear creaturely and incompletely sculptural — dissolved into a dreamlike, twilit world of light and shadow, and ultimately into an amorphous mass of flesh. A visually powerful work of unsettling, gaze-altering grace, by a young choreographer who is well worth keeping an eye on.

 

Frank Schmid, kulturradio

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